Im Schatten des Vesuvs
- Kirsten Barkey
- 4. Juli
- 2 Min. Lesezeit
«Sonntag waren wir in Pompeji», schrieb Goethe einst in seiner Italienischen Reise. Die vierte Klasse der Rychenberger Freifachklasse Latein tat es ihm nach und zog vom 11.–17. Oktober 2025 in den Süden, grosszügig unterstützt von der EMW.

Schnell zeigte sich: Wer sich von Zürich aus auf den Weg nach Kampanien macht, reist nicht nur durch Landschaften, sondern durch Jahrtausende. Von Mailand über Rom kommend pflügte die pfeilschnelle Frecciarossa südwärts, bis sich am späten Nachmittag das Meer öffnete – und mit ihm eine erste Vorahnung: Gibt es einen besseren Ort, um die Geschicke des vom Schicksal bestimmten Menschen zu betrachten, ja zu betreten?

Die untergegangene Stadt Pompeji ist die stille Heldin der ersten Tage. An der Villa dei Misteri beginnt die Reise mit einem Rätsel, dort, wo Fresken die Grenze zwischen Alltag und Kult verwischen lassen. Wer hätte damals in diesen Hallen wandelnd ahnen können, dass die Stadt einmal zum berühmtesten Fenster in die Antike werden würde? Zwischen Strassenzügen und still daliegenden Atrien wurde antikes Leben so unmittelbar, wie es ein Geschichtsbuch nie vermitteln könnte. Am Horizont die Gegenwart eines Berges, der im Jahr 79 n. Chr. alles unter sich begrub. Wie nah darf man dem Vesuv eigentlich kommen, ohne den Respekt vor seiner Gewalt zu verlieren?

Die Reisegruppe unter der Leitung von Cornelia Zahner und Matthias Fischli stieg an der Flanke des Berges hoch, schaute runter auf Neapel, wo angeblich Vergil begraben liegt, der Dichter, der wie kein anderer die römische Idee von Pflicht und Schicksal geprägt hat. Still wie das Grab des Autors lagen die Zisternen der Stadt da, in die einst unterirdisch das Trinkwasser für die Stadt herangeführt worden war und in denen sich während des Zweiten Weltkriegs die Bevölkerung vor den Bombenangriffen in Sicherheit brachte.
Ein Tagesausflug führte nach Paestum, wo dorische Tempel von erstaunlicher Erhaltung an die griechische Kolonisation Süditaliens erinnern. Diese Tempel dienten einst als Vorlage für die klassizistischen Bauten in Winterthur und ganz Europa.

Die zweite Hälfte der Reise wandte sich den Phlegräischen Feldern zu, jener grollenden Landschaft, die für die Antike der Eingang zur Unterwelt war. In Cumae, ältester griechischer Kolonie auf dem italischen Festland, suchte schon Aeneas bei der Sibylle Rat. Der Avernersee, von den Alten gefürchtet, liegt heute friedlich zum Baden da – ein Kontrast, der zum Nachdenken anregt: Wie viel Mythos steckt eigentlich in einem Ort, an dem man heute ganz unbeschwert schwimmt, der aber schon morgen von einem Supervulkan verschlungen werden könnte?
Über Herculaneum und die versunkene Stadt Baiae, einst Lieblingsort römischer Kaiser, ging es nach Misenum, der Heimatbasis der römischen Kriegsflotte. Hier schloss sich der Kreis: Plinius wartete an dieser Küste auf seinen Onkel, der beim Ausbruch des Vulkans sein Leben verlor. Hätte wohl jemand von uns den Mut gehabt, wie Plinius im Dienste der Wissenschaft geradewegs auf die Katastrophe zuzusteuern? Mit dieser Frage im Gepäck trat die Lateinklasse die Rückreise nach Zürich an.
«Sonntag waren wir in Pompeji», schrieb Goethe einst. Und er fügte an: «Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.» Ganz Unrecht hat er nicht.





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